Der Herzerlfresser
Paul Reiniger
Vom Kriminalfall zum Schauermärchen
Der sogenannte „Herzerlfresser“ – der steirische Knecht Paul Reininger – gehört zu den beklemmendsten historischen Kriminalfällen des 18. Jahrhunderts im Alpenraum. Der Fall spielt sich in der Umgebung von Kindberg im Mürztal (Steiermark) ab und wurde später zu einer Mischung aus dokumentierter Mordserie, Volksüberlieferung und Schauergeschichte. Historisch gesichert ist, dass Reininger mehrere Frauen ermordete und ihnen die Herzen entnahm; vieles andere liegt im Grenzbereich zwischen Gerichtsakten, späteren Berichten und regionalem Aberglauben.
Paul Reininger lebte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Knecht in der Obersteiermark. Zeitgenössische Darstellungen beschreiben ihn als trinkfreudig, gewalttätig und sozial randständig. Ende der 1770er-Jahre begann eine Serie von Morden an Frauen und Mädchen in der Umgebung von Kindberg. Insgesamt werden ihm sechs Taten zugeschrieben. Im Fall seines letzten Opfers, der Magd Magdalena Angerer, fand man die Leiche verstümmelt im Wald – das Herz fehlte. Bei der Verhaftung wurden belastende Spuren in seiner Behausung gefunden, woraufhin Reininger nicht nur diese Tat, sondern auch mehrere frühere Morde gestand.
Bei mehreren Opfern schnitt er nach der Tötung das Herz aus dem Körper. Diese grausame Handlung gab ihm später den Namen „Herzerlfresser“. Der Hintergrund der Taten wird in Quellen meist mit einem Aberglauben erklärt. Reininger soll überzeugt gewesen sein, durch den Verzehr von Frauenherzen besondere Kräfte zu erlangen. Varianten der Überlieferung sprechen davon, er habe sich Erfolg beim Glücksspiel versprochen oder geglaubt, nach dem Verzehr des siebten Herzens unsichtbar zu werden. Diese Vorstellung taucht in mehreren historischen Nacherzählungen auf und dürfte aus volkstümlichen magischen Vorstellungen stammen, in denen das Herz als Sitz von Lebenskraft gilt. Solcher Aberglaube war kein Einzelfall, sondern steht im Kontext frühneuzeitlicher magischer Denkweisen, in denen Körperteile als Träger von Lebenskraft galten. Der menschliche Körper wurde nicht nur medizinisch, sondern auch symbolisch gelesen.
Der Verlauf der Mordserie blieb zunächst ungeklärt, da die Taten räumlich verteilt und Opfer meist sozial wenig abgesichert waren. Erst nach mehreren Morden geriet Reininger in Verdacht. Er wurde schließlich gefasst, verhört und gestand zumindest einen Teil der Taten. Die Justiz reagierte zunächst mit äußerster Härte. Reininger wurde 1786 zum Tode durch grausame Hinrichtungsmethoden verurteilt. Doch das Urteil wurde durch Kaiser Joseph II. abgemildert: Statt der Exekution erhielt er eine lebenslange Haftstrafe unter schweren Bedingungen. Er starb kurze Zeit später im Gefängnis.
Wie stark der Aberglaube tatsächlich Reiningers Motiv war, ist unter Historikern umstritten. Einige Darstellungen deuten darauf hin, dass neben magischen Vorstellungen auch Alkohol, Gewaltbereitschaft und möglicherweise Raub eine Rolle spielten. In der lokalen Überlieferung jedoch wurde der Fall rasch mythologisiert: Der „Herzerlfresser“ wurde zur warnenden Figur, zur Schauergeschichte für Kinder und zum Bestandteil regionaler Folklore. Noch heute erinnern ein „Herzerlfresser“-Marterl und Wanderwege in der Gegend an die Ereignisse.
So bewegt sich der Fall Paul Reininger zwischen dokumentierter Kriminalgeschichte und Legende. Sicher ist: Mehrere Frauen wurden Opfer einer Mordserie im späten 18. Jahrhundert. Der angebliche Aberglaube – durch den Verzehr von Herzen unsichtbar zu werden oder Glück zu gewinnen – prägte die Erinnerung an den Täter und machte aus einem Gewaltverbrechen eine bis heute erzählte, düstere Volksgeschichte.
TamS Theater
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