Das käthchen von heilbronn hab ich mir anders vorgestellt

frei nach Heinrich von Kleist

Die letzte Silvesternacht ist in Heilbronn an niemandem spurlos vorbeigegangen. Theobald Friedeborn versteht die Welt nicht mehr, seine Tochter Käthchen glaubt fast unerschütterlich an die große Liebe, Friedrich Wetter vom Strahl findet einfach keine Kaisertochter und Kunigunde von Thurneck vergiftet jeden, der ihr in die Quere kommt. Köhler, Knappen und Kammerzofen befreien Gefangene, vertauschen Briefe und verwechseln im Theaternebel ständig die Realität mit der Wirklichkeit. Die Bühnenmaschinerie setzt sich ächzend in Bewegung und der Kaiser kann sich an nichts erinnern.
Ein Abend über enttäuschte Hoffnungen, verzweifelte Versuche, große Gefühle, falsche Versprechen und echten Theaterdonner.

Mathias Hejny schreibt: „Die oft bizarre Fantastik, das Traumhafte, Mythische und Utopische des post-weimarer Klassikers bietet reichlich Stoff für die post-postdramatische Befragung des Theaters durch sich selbst.“ Und so wird „munter drauflos dekonstruiert, ohne mit Selbstgefälligkeit zu langweilen“. Und weiter: „Regisseur Lorenz Seib liefert zum einen die wesentlichen Handlungsstränge des Dramas, hinterfragt aber auch die ohnehin nie vom aufgeklärten Zuschauer gehegte Illusion vom Theater als Illusionsmaschine“ und „macht sich lustig über die zur Zeit modische Abwesenheit von Magie und Imagination“. Und die Dialoge, wenn nicht von Kleist, „erzählen von dem was passiert, wenn man die Forderung nach mehr Authentizität der Schauspielerei richtig ernst nimmt.“ Gegen Ende „schwebt ein großer Fisch so gelassen durch das Theater, als wäre es sein angestammtes Biotop.“ (Abendzeitung vom 21.10.2017)

Malve Gradinger hält die Idee, „einen Kleist ins winzige Münchner TamS zu hieven“, für „fast schon vermessen“ und erfreut sich sogleich daran, wie das Ritterschauspiel dann „als buntes Feuerwerk, immer frech zwischen Kleists romantischem Irrationalismus und Gegenwartssinn“ zündet. Die Schauspieler „turnen über Podeste und sprachgelenkig raus und rein in den Kleist-Text.“ Und man „lacht immer wieder wohlig nach innen, wie elegant das Trio von dem mal liebevoll belächelten, aber durchaus ernst genommenen Kleist hinüberspagatet in illusionsbrechende Theaterrealität.“ (Münchner Merkur am 21.10.2017)

Sabine Leucht sieht das „Ritterschauspiel rotzfrech durch die metatheatrale Wurstmaschine gedreht“ und erlebt ein „wunderbar spielfreudiges und musikalisches Team“, das „vom Aneinander-Vorbeilieben erzählt und die Fantasie, den Traum und letztlich das Theater feiert“. Denn „die Vorstellungskraft spielt praktisch alle Hauptrollen“. (Süddeutsche Zeitung am 20.10.2017)

mit Stefanie Dischinger, Sophie Wendt, Arno Friedrich, Neil Vaggers
Regie Lorenz Seib
Musik Neil Vaggers
Dramaturgie Adrian Herrmann
Ausstattung Claudia Karpfinger, Katharina Schmidt, Lorenz Seib
Licht Peter Mentzel
Regieassistenz Kalinca Vicente
PREMIERE 18. OKTOBER 2017

 

TamS Theater

Leitung
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